Brands Hatch 1986, BPR-Serie, das letzte freie Training vor dem Qualifying des 4-Stunden-Rennens ist gelaufen. In der Konrad-Box analysiert Bob Wollek die Trainingszeiten seines neuen Kollegen: "Ok, du bist schnell, fahr du die Qualifikation. Aber denk dran, wir müssen mit den gleichen Reifen im Rennen starten und den ersten Stint fahren. Fahr nicht zu viele Runden!" so der Elsässer zu seinem jungen Landsmann. Ortelli fuhr die Outlap, erreichte in der nächsten Runde Bestzeit und kam wieder rein und stieg aus, Pole Position bei den GT2. Wollek war zufrieden und strahlte noch mehr, als die beiden am nächsten Tag die Klasse gewannen. Es war der Start einer der erfolgreichsten Karrieren bei den Sportwagen und GT, deren Ende noch nicht abzusehen ist.
Stèphane Ortelli wurde am 30. März 1970 im südfranzösischen Hyeres geboren, verbringt dort die ersten Jahre seines Lebens und wächst dann in Cannes auf. Wie so oft, hat er die Motorsportbegeisterung vom Vater geerbt. Er gewinnt von 1984 bis 88 viele Kart-Rennen und Meisterschaften sowie 1990 das berühmte "Volant elf", dem Karrieresteigbügel im französischen Motorsport. In der Formel3 wurde er Sieger der B-Meisterschaft 1991 und war ein Jahr darauf Testfahrer im Formel1-Team von Larousse. 1993 dann fuhr er im Peugeot Spyder-Cup, die beiden nächsten Jahre in der französischen Tourenwagen-Meisterschaft, wo er 95 die Privatfahrer-Wertung für sich entschied.
1996 dann brachte Bob Wollek ihn zu Konrad und von da an ging es steil bergauf. "Ich habe Bob Wollek sehr viel zu verdanken. Er holte mich ins Team und war mein Mentor und später auch ein guter Freund. Von ihm konnte ich viele Dinge über Langstreckenrennen lernen." so Ortelli heute.
Die gute Leistung von Brands Hatch brachte ihn richtig ins Geschäft. 97 erhielt das Rook-Team einige Unterstützung seitens Porsche hinter den Kulissen (z.B. Werksmotoren) und für Le Mans durfte Ortelli in einem GT1 zusammen mit Allan McNish und Karl Wendlinger starten. Das Trio rechnete sich gute Chancen aus, doch bereits nach 30 Minuten war das Auto in der Mauer und das Rennen beendet. Ortelli und McNish aber waren sich einig: "Sollten wir nochmals die Chance bekommen, dann werden wir gewinnen".
Die Chance bekamen sie bereits ein Jahr später, diesmal im richtigen Werksteam mit dem GT1 98. Dort zeigte Stèphane eine seiner großen Stärken, nämlich das Teamplay. "Wir hatten Laurent Aiello im Team, ein hervorragender Pilot, der zwar das Auto, nicht aber die Strecke kannte. In der Vorqualifikation war er verhindert. Also habe ich auf das Training bei Tageslicht verzichtet und nur in der Nacht meine Runden gedreht. Somit hatte Laurent mehr Trainingszeit als üblich. Er war im Training dann schneller als ich, aber das ist bei einem 24h-Rennen egal, die schnellste Trainingszeit war eh Allans Job." Im Rennen waren die drei konstant schnell und fehlerfrei. "Wir haben das Timing so gewählt, dass Aiello in die Nacht rein und wieder raus fährt, die Zeit der totalen Dunkelheit teilten sich Allan und ich. Mein Stint in der Nacht war super. Es war teilweise nass, ich brauchte jedoch nie auf Regenreifen zu wechseln, was viele taten. Dadurch haben wir viel Zeit gewonnen." Somit konnte nach 24 Stunden der Porsche GT1 mit der Startnummer 26 als erster durchs Ziel fahren vor dem Schwesterauto von Wollek / Alzen / J. Müller. "Es war ein tolles Gefühl, dort oben zu stehen, gleichzeitig tat mir Bob unheimlich leid, vielleicht war ihm auf dem Podest klar, dass es seine letzte Chance war, Gesamtsieger in Le Mans zu werden und es hat wieder nicht geklappt."
Stèphane Ortelli und Allan McNish haben ihren Schwur wahr gemacht und haben Porsche den bis heute letzten Gesamtsieg in Le Mans beschert. Die beiden verbindet eine seitdem tiefe Freundschaft und Erfolg: "Bei unserem ersten gemeinsamen Rennen sind wir ausgefallen, von da an waren wir nie schlechter als Rang zwei! Wir ergänzen uns sehr gut im Auto und unternehmen auch viel in Monaco zusammen. Sicher mein idealer Teamkollege."
Das sagte man nicht unbedingt von Soheil Ayari, mit dem er sich in diesem Jahr das Cockpit eines Saleen in der Le Mans Series teilt. Henri Pescarolo hatte ihn nach seinen Ausrutschern in Le Mans 2005 scharf kritisiert und nicht mehr für dieses Jahr engagiert. Ortelli hatte hingegen mit Ayari kein Problem: "Als mich Hughes de Chaunac fragte, ob ich mit Soheil als Teamkollegen einverstanden bin, habe ich sofort zugestimmt. Ich weiß ja, was er kann. Deshalb habe ich ihn willkommen geheißen. Nur wenn ein Fahrer spürt, dass man auch an ihn im Team glaubt, kann er auch die Leistung bringen, die er zu leisten im Stande ist" Der bisherige Saisonverlauf gibt dem heutigen Monegassen recht, Ayari war bislang fehlerfrei und bei den 1000km von Spa feierten die beiden zusammen einen viel umjubelten Sieg. "Manchmal ist er auch schneller als ich, aber das ist gut so. Denn nur mit zwei starken Fahrern ist man siegfähig!"
Diese Einstellung hat er ebenfalls von Wollek gelernt. "Bob setzte mich schon unter Druck, aber nur an der richtigen Stelle, Dafür zögerte er nicht, es jedem im Fahrerlager zu erzählen, wenn sein Kollege Fehler gemacht hat." Diese nicht so positive Charaktereigenschaft hat sich Ortelli nicht angeeignet. In Daytona 2002 teilte er sich erstmals das Cockpit mit Romain Dumas , da warf dieser das Auto gegen Ende in aussichtsreicher Position in die Mauer. Als er anschließend ins Fahrerlager zurückkehrte klopfte ihm Ortelli auf die Schulter und sagte nur "Sei froh, dass ich nicht Bob Wollek bin". Das kommt nun einmal vor, man gewinnt und verliert zusammen.
Mit Dumas und Marc Lieb feierte Ortelli in Spa einen der bemerkenswertesten Erfolge im Long-Distance-Racing, mit dem unterlegenen N-GT Freisinger Porsche GT3RS gewann das Trio im strömenden Regen die 24 Stunden in der Gesamtwertung gegen die Horde der viel stärkeren GT1. "Ein unglaublicher Sieg. Es hat bei uns alles gepasst. Die Strategie von Norbert Singer, die Boxenstopps, die Leistung aller drei Fahrer, einfach fantastisch!" An seine Zeit im Karlsruher Rennstall erinnert sich Ortelli gerne: "Wir hatten nie die tollste Hospitality und es gab sicher auch schönere Autos, aber wir waren ein tolles und erfolgreiches Team mit guter Stimmung." Zwei Titel in der N-GT 2002 und 2003 sprechen eine deutliche Sprache.
Nicht immer wird dieses Streben nach Harmonie im Team auch erwidert. 2005 gab er ein Gastspiel im Cirtek Aston Martin bei der FIA-GT in Dubai. "Ich habe das Auto im Training von Christophe Bouchut übernommen. Nach kurzer Zeit war ich auf alten Reifen schneller als er auf zuvor auf neuen. Aber das hatte seine Gründe, ich kenne den DBR9 nun mal ziemlich gut und habe etwas an der Abstimmung verändert. Aber Christophe ist es nicht gewohnt, dass jemand auf dem gleichen Auto schneller ist, das hat er mich schon spüren lassen. Es ist nicht so einfach, mit ihm zu arbeiten, aber es geht auch."
Stèphane Ortelli hat schon auf 16 verschiedenen Fabrikaten Rennen und Testfahrten bestritten, im letzen Jahr tauchte er auf einem Oreca-Seat plötzlich sogar in der WTCC auf und war auch dort sofort bei der Spitze. Die meisten Erfolge aber hatte er mit Porsche, wo er bis Ende 2005 zum Kreis der Werksfahrer gehörte. Neben den beiden N-GT-Titeln, Le Mans 98 und Spa 03 konnte er auch den Porsche-Supercup einmal für sich entscheiden, 2002 mit Kadach. "Ich habe viele (insgesamt 58) Supercup Rennen bestritten und auch viele gewonnen (8), aber nur einmal bin ich eine komplette Saison gefahren, das war eben 2002, ansonsten musste ich immer wieder Rennen wegen Terminüberschneidungen auslassen. Aber in der Saison wurde ich dann Gesamtsieger!" sagt Ortelli nicht ohne Stolz. Von der Wertigkeit der Titel hat sicher kein noch aktiver Pilot mehr Erfolge für die Weissacher erziehen können als Stèphane. Warum aber wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert?
"Ich weiß es nicht" antwortet er und wechselt dabei seinen Gesichtsausdruck, das fröhliche Lachen weicht und macht Verbitterung Platz. "Als Porsche das RS Spyder- Projekt verkündete, war ich sicher, viel von meiner Erfahrung einbringen zu können. Ich bin für Audi gefahren, noch 2005 in der LMES, fuhr den Bentley, keiner der Werksfahrer hatte mehr Erfahrung als ich mit einem High-Downforce-Rennwagen. Doch nichts, kein einziges Mal wurde ich zu Testfahrten gerufen, obwohl ich unter Vertrag stand und jederzeit zur Verfügung gestanden hätte!" Die Abfuhr von Porsche ist dem 36-jährigen aber auch ein Ansporn, er unterstützt das Ferrari Team von Risi-Competizione bestmöglich, die Porsche-Dominanz in der GT2 der ALMS in diesem Jahr zu beenden.
Ein großes Ziel hat er aber noch mit Porsche: "Ich habe mit Porsche und Norbert Singer in Le Mans und Spa die Gesamtwertung gewonnen. Es wäre toll, wenn uns dies noch in Daytona gelingen könnte. Dann hätten ein Fahrer und ein Ingenieur auf der gleichen Marke die drei wichtigsten 24h-Rennen gewonnen, soweit ich weiß, gab es das noch nie. " Der nächste Versuch ist 2007, fixiert ist aber noch nichts.
Weitere Ziele für 2007: "Ein direktes Ziel habe ich nicht, aber ich wünsche mir, für Audi in Le Mans zu fahren und zu gewinnen." Im Jahr 2000 war er bereits dicht dran, aber als die drei führenden R8 sich nur noch selbst schlagen konnten, hatte Dr. Ullrich damals am Morgen verfügt, dass die Positionen zu halten seien, zu einem Zeitpunkt, als Ortellis Wagen Boden auf die führenden gut machte. Groll darüber empfindet Stèphane heute nicht: "Das war aus Sicht von Audi die absolut richtige Entscheidung, den Kampf untereinander einzustellen und den Dreifach-Sieg zu sichern"
Nach wie vor besteht guter Kontakt zu dem Team aus Ingolstadt rund um Ralf Jüttner. "Es ist eine ähnliche Familie wie einst bei Porsche, der richtige Geist, um Le Mans zu gewinnen." Den Diesel sieht er als gute Entwicklung. "Es ist doch toll, dass ein Hersteller in Le Mans noch fast unbegrenzt Technik demonstrieren kann, woanders geht das doch gar nicht mehr." Wahre Worte!
(Text: Guido Quirmbach, Fotos: PLM, Porsche AG, www.stephaneortelli.net, mit Dank an www.one-too.com)