So, nun haben wir auch mal ein GrandAm-Rennen live vor Ort erlebt. Daytona eignet sich wunderbar für ein solches Debüt, es ist nämlich sehr einfach zu erreichen, der Flieger landet direkt neben der Rennstrecke und auch die Größe der Stadt ist überschaubar. Vier bis fünf Meilen vom Speedway entfernt ist die Atlantic-Avenue, an der hunderte von Hotels aller Preisklassen liegen, die um diese Jahreszeit überwiegend von Rentnern bevölkert wird. Was sich aber bald ändern wird, schließlich steht neben dem Daytona 500 noch die Bike-Weeks und Spring Break vor der Tür.
Im amerikanischen Rennsport ist vieles anders als wir es gewohnt sind. Boxen im bekannten Sinn gibt es nicht, lediglich in Indianapolis, dort wurden sie beim Grand Prix benutzt, ansonsten stehen sie leer. Sebring kennen wir bereits, da arbeiten die Teams in Zelten, wie man sie auch aus Europa bei den Rahmenserien kennt. In Daytona ist es nochmal anders, dort gibt es Garagen. Nicht die, wie man sie von zu Hause kennt, sondern Großraum-Garagen. So steht Penske neben Ganassi oder Gainsco neben Alex Job. Allerdings gibt’s dazwischen keine Stellwände, Werbetafeln oder Mechaniker, die Sichtblenden halten, es ist alles offen. Dreht sich der Mechaniker um, schaut er auf den Wettbewerber. Auch wenn die Technik der DP`s sicherlich einfacher gestrickt ist als die eines LMP1, desto enger das Reglement, desto mehr entscheiden die kleinen Details. Dennoch ist alles offen. Diese Garagen sind auch nicht abgesperrt, kein einziges Team brachte eine Banderole an, um Fans auszusperren. Lediglich bei Reparaturen während der Rennen achteten Teammitglieder darauf, dass die Mechaniker einigermaßen ungestört arbeiten können, um den Zeitverlust in Grenzen zu halten. Man stelle sich Audi und Peugeot in einer solchen Garage nebeneinander vor, getrennt bestenfalls von ein paar neugierigen Fans. Undenkbar!
An der eigentlichen Boxengasse gibt es eine Mauer, vor die dürfen nur die arbeitenden Mechaniker. Hinter der Mauer bauen die Teams kleine Zelte in Größe eines Party-Pavillons auf, oder eben je nach Anzahl der Autos etwas größer. Die Zelte von Farnbacher-Loles und TRG gingen dann angesichts von je sieben Autos auch eher in Richtung Festzelt. In den Zelten dann haben die Teams ihre Kommandostände, wer am höchsten sitzt, hat das Sagen. Es war eigentlich für unsereins immer möglich, eine Stellungnahme eben von dem Kommandostand zu erhalten. Wenn der Chef eben nicht greifbar war, kam die Info von jemand anders, irgendein Teammitglied gab immer bereitwillig Auskunft.
Überhaupt war das Arbeiten relativ angenehm. Vor und auch während dem Rennen kamen immer wieder Fahrer oder Teamchefs ins Pressezentrum und wurden interviewt. Natürlich überwogen die Floskeln, aber wenn man gescheite Fragen stellte, gab es meist auch vernünftige Antworten. Und solange nicht alle Fragen beantwortet wurden, blieb Star oder Sternchen eben sitzen. Egal ob Jimmie Johnson, Ryan Briscoe oder Jack Roush (im Foto rechts). Die Abschrift des Interviews kam wenige Minuten später ebenso an den Tisch wie die Zwischenergebnisse und Racefacts.
Für die Fans waren alle Tribünen offen, im Infield wurden vier kleinere Zusatztribünen gebaut, die während des Rennens auch gut besucht waren. Der ein oder andere Besucher bewies dort auch, dass man von Bud-Light nur mehr trinken muss, um zum gleichen Ergebnis zu kommen. Sehr interessant auch die Merchandising-Straße, dort gab es weit mehr als nur NASCAR. Apropos NASCAR-Merchandising: Wenn mal eine Rennserie mit seinen Merchandising-Artikeln eine ganze Abteilung eines normalen Kaufhauses füllt, dann ist sie sicher real auch sehr populär und nicht nur in Pressemeldungen. Das ist übrigens nicht nur in Daytona, das fiel mir auch in anderen Bundesstaaten in der Vergangenheit auf.
290 Fahrer in einer Autogrammstunde unterzubringen, ist sicher nicht einfach, das weiß auch der Amerikaner. Also gab es verschiedene Zonen, eine große Tafel wies die Fans darauf hin, welchen Fahrer sie in welcher Zone finden. In die Startaufstellung durfte bis eine halbe Stunde vor dem Start jedermann, dazu wurden von den großen Tribünen Treppen aufs Banking heruntergelassen, auf denen die Besucher direkt vom Grid auf den Tribünenplatz gehen konnten. Einzig Leinwände gab es keine, wozu auch, wenn man ganz hoch auf die Tribüne kraxelt, sieht der Fan eh die ganze Strecke, dazu gibt es in der Fan-Zone viele Bildschirme, um sich über das aktuelle Geschehen zu informieren.
Man muss nicht alles gut finden, was die Amerikaner im Motorsport machen. Im Umgang mit den Fans sollten allerdings europäische Rennveranstalter und Serienbetreiber ruhig man einen Blick über den Teich werfen, sie können viel lernen. Eine fest installierte, aber wie beim 1000km-Rennen seit Jahren nicht eingeschaltete Video-Wand währe jedenfalls in den Staaten undenkbar. (GQ)
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